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  • Ingo Hamm

Das „18-450-Experiment“: Wie ich durch Laufen etwas über Selbstführung in Extremsituationen gelernt



Am Wochenende habe ich ein Experiment gestartet. Ich wollte nachempfinden, wie man in einer Extremsituation ganz fundamental reagiert, und wie man sich aufraffen und motivieren kann. Etwas, was für mich persönlich extrem ambitioniert, eigentlich nicht zu beherrschen ist (ich gebe zu, es sollte nicht wirklich gefährlich sein, denn meine Frau, meine zwei Töchter, meine Freunde, meine Kolleginnen und Kollegen fänden es sicher nicht gut, wenn ich erst einmal ausfiele...)

Meine Herausforderung: laufen, bis es nicht mehr geht, meinen Körper an seine (bescheidenen) Grenzen bringen, und vor allem, meinen Willen testen, ja überwinden.

Ich habe es geschafft, ich bin gelaufen, bis es nicht mehr ging. Aus dem Stegreif knapp einen Halbmarathon, 18 km mit 450 Höhenmetern – und ich habe neben zahlreichen Blasen und völliger Erschöpfung sehr viel über Selbstführung gelernt und besser nachvollziehen können:

Trainieren und vorbereiten sind zwei verschiedene Dinge

Trainieren heißt Abläufe einstudieren, Techniken beherrschen, an der Substanz arbeiten, Ausdauer gewährleisten. Vorbereiten heißt: sich gedanklich darauf einstellen, einen unbedingten Willen erarbeiten, Rahmenbedingungen überblicken und beeinflussen.

Mein gedankliches Hilfskonstrukt war nicht: ich bin eigentlich gar nicht fit dafür. Sondern: der Mensch an sich hat tausende von Jahren dafür trainiert zu laufen, hat grundsätzlich die Substanz, also steckt es irgendwo in mir drin. Es geht eher darum, etwas Verborgenes und Verschüttetes aufzurufen.

Wettbewerb? Erst mal für sich selbst!

Man sollte sich klar darüber werden, warum man so etwas macht. Wirklich zur Selbsterkenntnis oder um anderen zu gefallen?

Eine extreme Herausforderung ist erst einmal ein Wettbewerb mit sich selbst. Darum sollte man zunächst an und über sich selbst nachdenken – und nicht an Instagram, nicht an Likes, nicht daran, besser als andere zu sein. Es geht um die eigene Leistungsfähigkeit innerhalb eigener Grenzen.

Nicht zu viel messen, auf seinen Bauch hören

Mein Tip: die Pulsuhr einfach mal zu Hause lassen, den Puls versuchen selbst zu fühlen, sich selber fühlen. Versuchen, ohne Geräte auszukommen, um (auf) seinen eigenen Körper zu hören. Denn es ist eine Erfüllung, sich ohne Hilfsmittel selbst zu empfinden, wie es einem geht und wozu man noch in der Lage ist.

Den Blick aufs Ganze behalten

Man kann mit modernen Devices GPS-basiert exakt wissen, wo man gerade ist, wie schnell man ist – oder man kann sich vorher zusätzlich auch mal eine Übersichts(!)karte anschauen, den sogenannten „Überflieger“, um nicht an jeder kleinen Gabelung stehen bleiben und an seinem Device „herumfummeln“ zu müssen. Man muss nicht immer ganz exakt wissen, wo es lang geht, solange die Richtung stimmen.

Selbst-Commitment

Aufgeben ist immer eine Option – aber man muss sie ja nicht nutzen. Man setzt sich ein Ziel, aber es ist dann mehr als nur „durchziehen“. Natürlich möchte man unzählige Male einfach aufhören, aber jedes einzelne „kleine Aufhören-wollen“ macht einen stärker, wenn man es überwunden hat. Was dabei hilft: nimm eine Stoppuhr, die keine Pausenfunktion hat, dann gibt es auch keine Pause.

Selbst-Belohnung

Nicht nur das Ziel muss attraktiv sein, sondern auch der Weg. In meinem Fall: ich habe vorher eine wunderschöne Strecke recherchiert (auf dem Weg: ein Philosophenweg, ein Kloster, einen Fluss entlang, am Waldesrand mit einem Brunnen, an einem Schloss entlang – wirklich herrlich).

Nutze die Ästhetik, um nicht nur Durchhaltewillen, Kraft und Willen anzusprechen, sondern Deine eigenen Emotionen. Dann hat man etwas zusätzlich, um sich gerade in schwierigen Phasen an etwas hochziehen zu können – die einfache Schönheit der Dinge und des Lebens um einen herum.

Selbst-Wirksamkeit

Die Psychologie kennt schon lange das sehr wichtige Prinzip der Selbst-Wirksamkeit, um echte Verhaltensänderungen zu bewirken. Auf gut Deutsch: man muss selbst an sich erleben, dass eine neue oder geänderte Handlung zu Erfolg führt, damit man diese akzeptiert und als Gewohnheit übernimmt.

Konkret in diesem Fall: erst einen, dann fünf, dann zehn Kilometer schaffen. Immer wieder zurückblicken und wertschätzen, was man bis dahin geschafft hat. Sich ruhig mal über sich selbst wundern und freuen und staunen. Auf die eigenen Füße herabschauen und ihnen gratulieren. Den Stolz schon währenddessen zulassen und nicht nur hart mit sich selbst sein und nur auf das Ende warten.

Warum? Warum nicht!

Warum mache ich das? Einfach so! Warum nicht?

Du weißt nicht, was der morgige Tag bringt…

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